Emotion

"Beziehungsunfähig": Nur eine blöde Ausrede?

Du hast dich Hals über Kopf verliebt, es scheint gut zu laufen, doch dann eröffnet er dir: "Ich bin beziehungsunfähig." Klingt nach Ausrede – oder doch nicht?
"Beziehungsunfähig": Nur eine blöde Ausrede?

Wenn du schon mal mit den Worten "Sorry, ich bin beziehungsunfähig" abserviert wurdest, weißt du bereits, wie schnell sich Schmetterlinge im Bauch in tonnenschwere Steine verwandeln können. Vermutlich hinterfragst du dich selbst: Hast du etwas falsch gemacht und ihn verschreckt? Die Antwort lautet in der Regel: Nein.

"Generation Beziehungsunfähig" auf dem Ego-Trip?

Verliebt sein könnte so schön sein, wären da nicht die chronisch bindungsscheuen Männer (und Frauen, auch sie gehören manchmal zu den angeblich Beziehungsunfähigen). Das Phänomen gibt es nicht erst seit Kurzem. Woher kommt diese Bindungsangst?

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Der Berliner Autor Michael Nast ist dieser Frage in seinem Buch "Generation Beziehungsunfähig" nachgegangen – mit erstaunlichen Erkenntnissen. Darin beschreibt er unter anderem, wie egoistisch viele Menschen heutzutage sind und wie moderne Dating-Apps die Partnerwahl beeinflussen. Laut Nast verhalten sich Männer und Frauen in der Liebe immer häufiger wie Kunden, heißt es auf "bento.de". Das wird besonders bei Dating-Apps wie Tinder deutlich. Wer nicht gefällt, wird einfach weggeklickt – ähnlich wie in Online-Shops. Mit dem Unterschied, das man bei letzteren Produkte und keine menschlichen Wesen erwerben will. Die Impulse sind also dieselben. Und genau so werden Unverbindlichkeiten erzeugt, meint Nast.

Früher war alles besser? – Nein.

Für Psychologin Stefanie Stahl hat Beziehungsunfähigkeit in erster Linie nichts mit der Generation zu tun, so wie das Nast postuliert. Gegenüber dem Portal "jetzt.de" erklärt sie, dass die Gesellschaft schon immer "Beziehungsunfähige" produziert habe. Früher war das gesellschaftliche Korsett nur enger, sodass weniger Männer und Frauen etwas an ihren Beziehungen geändert haben. Sie blieben in ihren – teils unglücklichen – Ehen. Heute können Menschen ihre Neurosen viel freier ausleben, sagt Stahl. Das macht sie zwar nicht unbedingt komplett beziehungsunfähig. viele haben aber einfach ein Problem mit Beziehungen. Oft haben sie Angst vor einer Bindung und schützen sich selbst mit der Ausrede, beziehungsunfähig zu sein.

Ursachen für Beziehungsunfähigkeit

Hinter der Unfähigkeit, sich zu binden, steckt nicht selten auch Verlustangst. Wenn Männer oder Frauen vor einer Beziehung flüchten, statt den anderen noch tiefer in das eigene Leben und Herz zu lassen, dann haben sie oft Angst davor, verletzt zu werden. Weil sie schon zu viele schlechte Erfahrungen gesammelt haben, weil sie ein geringes Selbstwertgefühl haben – die Ursachen sind vielfältig.
Auch das Eheleben der Eltern kommt im weitesten Sinne als Ursache für Beziehungsängste und der damit einhergehenden Ausrede der Beziehungsunfähigkeit infrage. Als Kind haben viele gelernt, dass die Liebe an Bedingungen geknüpft ist.

"Erwartungsphobikern" ist diese Vorstellung ein Graus, wie Stahl beschreibt. Sie haben Angst davor, so sein zu müssen, wie es der Partner nun erwartet. Und fühlen sich in ihrer Persönlichkeit womöglich eingeschränkt, befürchten, sich für den anderen verbiegen zu müssen.

Wie du mit einem Beziehungsphobiker umgehst

Dennoch gehen auch viele selbsterklärte Beziehungsunfähige das Wagnis einer Beziehung ein, weil jeder Mensch ein existentielles Bedürfnis nach Bindung hat. Wenn du einen bindungsscheuen Menschen liebst, brauchst du viel Geduld. Gib ihm die Zeit, setz ihn nicht unter Druck, aber sei auch ehrlich, wenn dich seine zaghafte Art verunsichert. Wichtig ist dabei, keine anklagenden Gespräche zu führen. Äußere deine Wünsche, um deinem Partner nichts vorzumachen. Im besten Fall trägt deine Ehrlichkeit und Offenheit dazu bei, dass er aus seinem Kokon schlüpft und sich für eure Liebe öffnet.